Archetypen-Therapie

Integration der seelischen Charakter-, Lebens- und Ausdruckspotenzialen

Das Wort Archetyp kommt aus dem Altgriechischen von ἀρχή arché Anfang, Ursprung und τύπος typos‚ Schlag/Abdruck, Vorbild, Skizze.


Ein Archetyp ist somit kein spezifisches Bild, z.B. das eines bestimmten Kriegers oder einer bestimmten Mutter, sondern mehr eine prä-existenzielle Schablone oder Prägung des Typus „Krieger“ oder „Mutter“, durch welche bestimmtes menschliches Verhalten in seinen dazugehörigen Charakter-, Lebens- und Ausdrucksbildern wirkungsvoll zum Vorschein kommt.

So erkennt der Archetyp „Mutter“ intuitiv in der Frau, welche neues Leben hervorgebracht hat, den Archetyp „Kind“ als Säugling in ihrer Welt erscheinend. So kann sie als „Versorgerin“ (Archetyp) die Mutter-Kind-Beziehung hervorbringen.

In der Tiefenpsychologie nach C. G. Jung als Archetypen oder Urbilder bezeichnet, waren diese strukturierenden und ordnenden Energien unserer Psyche bei Platon als Formen, oder Ideen der physischen (grobstofflich) und nicht-physischen (feinstofflich) Welt bekannt.

Archetypen können sich als stereotype Verhaltensweisen zeigen, z.B. als „Sadismus“ oder „Masochismus“; die Form von Instinkten annehmen und Routinen oder Wiederholungen und auch Beständigkeit in der Evolution ermöglichen.
Wir können sie als vorgefertigte dynamische Grundstrukturen der Psyche ansehen, welche unabhängig von Zeit und Raum, Generation, Kultur und Nation wirken.

Sie haben an sich keinen Inhalt, wie Organe unseres Körpers, aber doch eine spezifische Wirkung, wenn sie mit bestimmten Inhalten gefüllt werden.
Eine andere vereinfachte Vorstellung von ihnen, ist die einer leeren spezifischen Form, welche mit den jeweiligen einmaligen Inhalten gefüllt zum Vorschein kommt, z.B. als DispositionFunktionBedürfnisFähigkeit und Bereitschafts- und Reaktionssystem.
Wenn sich beispielsweise eine Frau mit dem Archetyp „Mutter“ durch Empfängnis und später Geburt verbindet, eigentlich passiert dies durch dieses Lebensereignis „Schwangerschaft“ automatisch, ist sie zwar eine Mutter wie alle anderen Mütter auch, unterscheidet sich aber durch ihre eigene persönlich lebensgeschichtlich geprägte Individualität in ihrer gelebten Art und Weise vom Mutter-Sein von anderen Müttern. Dennoch haben alle diese Mütter welche im Kontakt mit dem Archetyp „Mutter“ stehen, das archetypisch „Mütterliche“ gemeinsam.

Tief verborgen im Unbewussten des Menschen liegen diese prä-existenziellen Urformen, fest verdrahtet mit unserem eigenen echten Selbst. Sie sind bereit, uns mit Ihren Energien und Eigenschaften bei der Bewältigung unseres Lebens zu helfen, es überhaupt in unserem vollen Potenzial und Gefühlsspektrum nutzen zu können.

Woher kommen Archetypen?

Archetypen kommen aus dem kollektiven Unbewussten. So wie der einzelne Mensch ein ihm persönliches Unbewusstes besitzt, was ihm trotz aller Erinnerungsanstrengung nicht zugänglich ist, aber mit dem „Hinübergehen“ (Trance) in das Unbewusste zugänglich wird; so weiß der „normale“ Mensch von diesem die Menschheit bzw. die geschaffene Welt beeinflussenden Energien nichts Wesentliches.

Und so wie das persönliche Unbewusste des einzelnen Menschen seinen Alltagsverstand (Tagesbewusstsein; eig. Unbewusstheit) beherrscht, so beherrscht das kollektive Unbewusste die gesamte Welt und das was in ihr existiert.

Archetypen können gänzlich in das Unbewusste abtauchen, von der Bildfläche der Gesellschaft verschwinden und sich im unbewussten Untergrund einen schöpferischen Wandlungsprozess durchlaufen um in neuer Gestalt, aber gleicher Funktion wieder zu erscheinen.

Auch bei den Göttern der Mythologien handelt es sich im menschlichen Erleben um Archetypen. Diese Kräfte der eigenen Seele wurden in Geschichten und Märchen symbolisch und literarisch zum Ausdruck gebracht. Vermächtnis und Erinnerung für den Menschen diese Kräfte in sich zu entfalten und als Selbstausdruck sicht- und erlebbar zu machen.

Archetypen stehen in dem uns unbewussten Raum unseres Bewusstseins untereinander in Verbindung und interagieren mit- oder gegeneinander.

Dunkelheit und Licht der Archetypen

In ihrem Wesen sind Archetypen auf der nicht erlösten, bzw. unreifen Ebene polar-paradox aufgebaut und können somit eine konstruktive wie auch destruktive Wirkung entfalten.

Schauen wir uns das am Beispiel des Archetypus „König“ an. Der König ist der vollendete Archetyp, der Inbegriff gereifter Männlichkeit. Der König verkörpert das Mann-Bewusstsein.
Seine unreifen bipolar dysfunktionalen Schatten sind die Archetypen „Tyrann“ und der „Schwächling“.
Der König (Mann-Bewusstsein) zeigt sich beim Jungen-Bewusstsein als das reife „göttliche Kind“. Die unreifen bipolar dysfunktionalen Schatten sind die Archetypen „Hochstuhl-Tyrann“ und „schwächlicher Prinz“.
Ohne darauf näher einzugehen, können Sie hier bereits erahnen, wie Erziehung statt Beziehung entsprechende Weichen stellen kann.

Welche Arten von Archetypen gibt es?

Eine grobe Einteilung kann man in geschlechtsunabhängige, maskuline, feminine, männliche und weibliche Archetypen vornehmen.

Zu den geschlechtsunabhängigen Archetypen gehören u.a. das Selbst, der Schatten, die Persona und der Engel.

Zu den männlichen Archetypen gehören beispielsweise der König, der Magier, der Krieger und der Liebhaber sowie die Anima.

Zu den weiblichen Archetypen gehören beispielsweise die Mutter, die Jungfrau, die Heilerin und die Amazone sowie der Animus.

Universeller betrachtet, erkennen wir Archetypen auch in den elementarsten Naturgesetzmäßigkeiten, also nicht nur im Menschen sondern auch im Pflanzen-, Tier- und Mineralreich. Zum Beispiel polar-reife Archetypen wie Aktivität und PassivitätAnziehung und Abstoßung und auch Vereinigung und Trennung. Diese Art von Archetypen sind als Grundenergien im gesamten Universum wirksam.
Lassen Sie uns das nochmal am Beispiel des Archetyps „Versorgerin“ nachvollziehen. Damit die zur Mutter gewordene Frau ihrem Kind, dem Säugling, die Brust geben kann, muss der Archetyp „Versorgerin“ von den elementaren archetypischen Energien von „Aktivität“, „Anziehung“ und „Vereinigung“ durchdrungen und angetrieben sein. Passiert dies nicht, kann es zu einer Wochenbett-Depression oder gar zur Ablehnung des Kindes oder einem ablehnenden Kind kommen.
Damit können wir erkennen, dass bei den Archetypen auch untereinander eine Hierarchie vorhanden ist und sie bei der Bildung spezifischer, z.B. arterhaltender Archetypen als elementare Archetypen miteinander interagieren und sie zu unpersönlichen Archetypen-Komplexen formieren.

Archetypen wirken in allen Umwelt-, Kultur- und Gesellschaftswelten, haben sich darin spezifisch ausgestaltet und entwickeln sich „mit der Zeit gehend“ beständig weiter.

Archetypen in Filmen

Weil sie Teil unserer Seele sind und damit mit uns fest verdrahtet in enger Beziehung stehen, können Sie von uns auch intuitiv wahrgenommen werden. Dies geschieht während wir Filme schauen, Märchen lesen oder Kunst betrachten. Aber auch als äußerst bedeutende Ideen in Politik, Religion und Wissenschaft sind sie omnipräsent.

Damit sind Archetypen einer der wesentlichen Gründe, warum wir uns beispielsweise beim Schauen eines Filmes einerseits so ergriffen fühlen können und andererseits auch inspiriert werden können. Dargestellt durch „Batman“„Superman“„Spiderman“ aber auch die Amazonenprinzessin „Xena“ veranschaulichen sie uns spezifische Grundmuster, welche durch unterschiedliche Figuren zum lebhaften Ausdruck gebracht werden können.
Wir können in die Welt dieser „Hauptdarsteller“ „emotional“ eintauchen, weil wir im tiefsten Unbewussten mit diesen Wesenszügen identisch sind. Solche Filme erzählen uns von den eigenen verborgenen Möglichkeiten und Kräften.
Es ist natürlich auffallend, dass in einer patriarchalen Gesellschaft, wozu auch Hollywood zählt, überwiegend der männliche Archetypus die Hauptfigur spielt, während wie in der Gesellschaft selbst die weiblichen Archetypen in den Nebenrollen wirken, wie z.B. das Bond-Girl als „Liebhaberin“ bzw. „Verführerin“.
In allen großen Filmen üben sie einen Reiz auf uns aus, und so geht es immer um bedrohliche Monster und unheimliche Feinde und Mächte, das Gute und das Böse, um Sehnsucht und Angst, Liebe und Hass.
Es geht um den ewigen Kampf von Gut und Böse. Bis das Böse im Menschen selbst aufgedeckt und integriert wird. Dann muss es nicht mehr als Gegenüber erscheinen.

 

Bedeutung der Archetypen für die Psychotherapie

Bei der psychotherapeutischen Arbeit geht es u.a. auch darum, die dysfunktionalen Schattenaspekte dieser Archetypen zu erkennen und in einen höhenwertigeren funktionalen Zustand, also einem für den Menschen konstruktiv-dienenden Prozess, zu transformieren.

Wenn nicht bewältigbare Ereignisse durch schicksalhafte Belastungentraumatische Erfahrungen, psychische Entwicklungsdefizite und innere Konflikte den Zugang zu den Potenzialen der Archetypen versperren, ist es notwendig zuerst an den lebensgeschichtlichen Inhalten zu arbeiten, um die aufbauenden Aspekte der Archetypen danach leichter zu integrieren. Dann kann der Mensch, mehr im eigenen Selbst verwurzelt, mit diesen äußerst starken Kräften in seinem außer-halb (Welt) verantwortungsvoll umgehen und zum Nutzen seiner und anderer selbst einsetzen.

Doch vor der Arbeit mit den Archetypen, sollte die eigene Lebensgeschichte bei Vorliegen neurotischer Züge (Bei wem ist das nicht der Fall?) bearbeitet werden, sodass nicht wieder der Archetyp des „Übermenschen“ wie im Dritten Reich geschehen, sich aufgrund von unerkannten Scham-, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen – als Schattenaspekt des „echten“ höheren Selbst – des Menschen bemächtigt.

Der Schattenaspekt des Archetypen „Übermensch“ kann ganze Menschenmassen infizieren und ihnen das Gefühl größter Bedeutsamkeit vermitteln, und dann wird die Empfindung von Besonderheit, Grandiosität und Gottähnlichkeit (welche bei Kindern noch ganz natürlich vorkommt) in destruktiver Weise auf die Lebensbühne gehoben.

Erst nach der gründlichen Aufarbeitung neurotischer Züge, kann eine gesunde Beziehung zu den konstruktiven archetypischen Potenzialen und Gefühlsspektren harmonisch gelingen.

In Ausnahmefällen kann der therapeutisch geschaffene und begleitete Zugang zu einem wichtigen Archetypus eine Psychotherapie erst ermöglichen. Emotionale Stabilität und vorhandenes soziales Umfeld vorausgesetzt.

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